Die Herausforderungen des nicht gewinnorientierten Sektors

Publié le: 23 Mär 2010

1. Welche Anforderungen werden an den nicht gewinnorientierten Sektor gestellt?

Bevor man über die Anforderungen spricht, sollte man daran erinnern, wie wichtig die Rolle des nicht gewinnorientierten Sektors ist und wie wertvoll die Dienstleistungen, die er der Gesellschaft bietet. Angesicht der vielen Akteure ist es unumgänglich, dass gewisse Probleme auftreten, und man sollte daraus keine falschen Schlüsse ziehen oder sie verallgemeinern. Nichtsdestotrotz sollte unser Sektor weniger Angst vor Selbstkritik haben. Es ist besser, selbst Probleme anzusprechen als wenn dies Dritte tun, die nicht unbedingt die besten Absichten hegen.

 

Meiner Meinung nach ist es reiner Aberglaube zu denken, dass alle NPOs Arbeit von mehr oder weniger gleicher Qualität leisten. Das ist natürlich falsch und muss auch offen zugegeben werden. „Gutes tun“ war eine früher überbeanspruchte Formulierung, die quasi als Strategie diente. Heute gebührend verunglimpflicht, ist sie weiterhin die wesentliche Rechtfertigung für viele sogenannten humanitären oder philanthropischen Interventionen der Gegenwart. Doch gutes Tun ist keine Qualität an sich und berechtigt nicht, sich vor der Pflicht zur Effizienz und insbesondere vor der kritischen Analyse eigener Tätigkeiten zu drücken.

 

2. Welche sind die derzeitigen Widersprüche bei der humanitären Hilfe?

Es gibt viele; sie lassen sich ziemlich gut an der Anzahl von Organismen aufzeigen, die sich Kindern in prekären Situationen widmen und an der Bedeutung, die diese Frage in der breiten Öffentlichkeit hat. Will man das Schicksal eines Kindes verbessern, muss man generell seinem Vater Arbeit geben und die Würde seiner Mutter wieder herstellen oder umgekehrt.

 

Doch bei der humanitären Hilfe gibt es einen grundlegenden Widerspruch, nämlich das Herauslösen des Opfers aus seinem Umfeld, um die politische Distanz zu wahren. Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, deren anerkannte Funktion es ist, können es sich die NPOs nicht leisten, dass ihre Interventionen als eine Art politisches Eingreifen wahrgenommen werden. Sie sind also dazu gezwungen, mit dem „extrem Konkreten“ gleichgesetzt zu werden, das eine Art Schutzschild vor einer politischen Ansteckung darstellt.
 

Und warum definiert sich die erdrückende Mehrheit der NPOs nach den Opferkategorien, auf die sie sich konzentrieren, beispielsweise Kinder? Der Grund ist ziemlich simpel: Die Gründe zu hinterfragen, warum die Eltern nicht den elementaren Bedürfnissen ihrer Kinder nachkommen können, führt schnell vorwiegend politischen und beängstigenden Fragen. Wenn man sich dagegen auf das Bild des leidenden Kindes und die mögliche Verbesserung seines Schicksals durch ein kleines Stück Grosszügigkeit fokussiert, kann man diese unangenehme politische Dimension vermeiden. Die Gefühlsebene zu bevorzugen erlaubt, zu träumen (und träumen zu lassen), was ein analytischer Ansatz eben gerade nicht zulässt. Um Geld zu erhalten, müssen die Organisationen genau diese Saite klingen lassen auf die Gefahr hin, als Aushängeschild zu dienen und zu einer falschen kollektiven Darstellung des Kausalzusammenhangs einer gegebenen Situation beizutragen.

 

3. Wie könnten die Organisationen ihren Einfluss erhöhen?

Eine bedeutende Frage, bei der es sehr anmassend wäre zu sagen, man kenne die Antwort oder könne diese gar in einigen wenigen Zeilen wiedergeben. Doch vielleicht müssen wir uns zu ihrer Beantwortung erst ein paar Fragen stellen. Wie lässt sich der exponentielle Anstieg der Anzahl Vereinigungen, NPOs und Stiftungen in den letzten Jahrzehnten erklären? Darin nur die Manifestation einer lebhaften Gesellschaft zu sehen, ist etwas kurzsichtig.

 

Nehmen wir einen Sektor unter vielen. Warum nicht denjenigen der Kinderhilfe, da wir von ihm bereits zur Illustration eines nicht nur ihm eigenen Phänomens gesprochen haben. Auf gewisse Weise bedeutet jede Schaffung einer neuer Organisation, dass all jene, die ihr vorausgegangen sind, die Frage nicht „am richtigen Ort“ oder effizient anzupacken wussten. Eine erschreckende Aussicht, das gebe ich zu, doch wie kann man sonst eine solche „Zellvermehrung“ erklären?
 
Warum werden Engagement und Energie nicht in bereits bestehende Organisationen gesteckt, um aus ihrer Erfahrung und ihren Kompetenzen Kapital zu schlagen und so ihre Wirkung und ihre Ressourcen zu steigern? Es wäre interessant, die Gründe für diesen „metastatischen Alleingang“ zu untersuchen, denn er zieht auch negative Folgen nach sich. Diese ständige „Zellvermehrung“ impliziert auf gewisse Weise, dass es keine kritische Grösse gibt, unter der eine Organisation nur schwer erstklassige Dienstleistungen und einen höheren Mehrwert als die anderen Akteure anbieten kann. Aber ist das wirklich so?
 
Im mir am besten bekannten Bereich der „internationalen Solidarität“ habe ich grosse Mühe, dies zu glauben. Aufgrund von Distanz und Komplexität zweifle ich stark daran, dass es keine solche kritische Grösse gibt. Doch diese Frage scheint tabu oder taucht wenigstens in keiner Diskussion auf. Von jeder Organisation ein rationales Management zu verlangen, ist zweifellos nötig, doch allein nicht ausreichend. Bestimmte Ansichten müssten sich ändern, denn sie sind der Ursprung einer gewissen Ineffizienz, die auf diesem Gebiet oft festgestellt werden konnte.

4. Welche Schwächen hat dieses System?

In gewissen Bereichen sind die NPOs so zahlreich, dass man an das Wort Überkonzentration denkt. Dies hat negative Folgen, die sich niemand wünscht, für die niemand persönlich verantwortlich ist (ohne jegliche Ironie) und die leider nicht zu vernachlässigen sind. So werden sie oft zum Spielball verdächtiger Regierungen, welche diese Dissonanz bereitwillig ausnutze.

 

Man ist sich dessen bewusst und gibt es hinter verschlossenen Türen, jedoch nie öffentlich, zu. Beunruhigend ist nicht so sehr die Unfähigkeit, eine solche Überkonzentration zu beheben, sondern vielmehr die Weigerung, deren Auswirkungen zu analysieren: ohne eine explizite Diagnose dominiert das stille Postulat, dass jede Gesellschaft eine unbegrenzte Zahl NPOs aufnehmen (im Süden) beziehungsweise generieren (im Norden) kann und dies keinerlei Nebenwirkungen hat, sich also günstig auswirkt. Ach ja? Aber warum wird eine so gute Nachricht dann nicht umfassender verbreitet? Unter diesen Bedingungen bleibt das Mantra der Koordination ein frommer Wunsch.
 
Unter gewissen Bedingungen wird er noch mehr ausgehöhlt, denn je mehr die Überkonzentration steigt, desto mehr spitzt sich das vielschichtige Phänomen der Konkurrenz zu, welches eine Koordination erschwert. Anders ausgedrückt, je nötiger die Koordination, desto illusorischer ist sie – was nicht gerade erfreulich ist.

5. Was raten Sie an, um die Koordination und Effizienz der NPOs zu vereinigen?

Das hängt von der Art der Intervention und dem Zusammenhang ab. Besonders bei Nothilfe nach einer Katastrophe sollten in den ersten Wochen, oder gar länger, nur Organisationen mit ausgewiesenem Leistungsausweis und ausreichenden organisatorischen, logistischen und finanziellen Mitteln intervenieren dürfen. Die durch Interventionen einer Unzahl von Mikro-Akteuren entstehenden Nachteile überwiegen leider im Verhältnis zu ihren Vorteilen. Aber keine Angst, dies wird niemals geschehen, denn keine Behörde wird je in der Lage sein, einen wie auch immer kurzfristigen Tsunami des guten Willens einzudämmen, welchen Schaden er auch hinterlässt.

Bei der Entwicklung stellt sich das Problem etwas anders dar, doch sollte die Anzahl der Interventionsbereiche (Bildung, Wasser und Abwasser, AIDS usw.) und der Regionen je nach Umsatz begrenzt werden. Einmal ernsthaft. Wer kann glauben, dass eine Organisation mit einigen Hunderttausend Franken Umsatz die Kompetenzen besitzt, in mehreren Ländern und in mehreren Bereichen zu intervenieren und dabei über die Themen Bescheid zu wissen? Wem würde einfallen, dass ein ähnlich grosses Unternehmen qualitativ gute Dienste in Spenglerei, Karosserie und Uhrmacherei in Appenzell, im Wallis und im Tessin anbieten kann? Natürlich niemandem, und doch kommt es niemandem in den Sinn, die Kompetenz einer Organisation zu hinterfragen, die genau das im Bereich gesellschaftlicher Wandel auf anderen Kontinenten vorgibt, der genauso komplex (oder sogar komplexer) ist. Ich bin mir des Protestgeschreis, das eine solche Massnahme oder allein schon ihre Thematisierung  auslösen würde, voll und ganz bewusst. Doch ich frage mich manchmal, ob der Gesetzgeber nicht eine Grenze festsetzen sollte, unter der es einem Akteur nicht erlaubt wäre, sein Betätigungsfeld thematisch oder geografisch auszudehnen. Das könnte zu Fusionen zwingen. Warum eigentlich nicht?

 

Aber um wieder dahin zurückzukommen, wo ich angefangen habe: Weil der nicht gewinnorientierte Sektor so viele bemerkenswerte Sachen bewirkt, verdient er es, sich weniger Sorgen über die Analyse gewisser anderer Probleme machen zu müssen.

 

 

 

 

 

 

Zurück
- +